Webliteralität und Webrhetorik
Vom Lesen und Schreiben im World Wide Web

Informationen über die Dissertation: “Webliteralität - Lesen und Schreiben im World Wide Web”.

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Zusammenfassung der Dissertation “Webliteralität - Lesen und Schreiben im World Wide Web”

Am Beginn dieser Arbeit stand das Ziel, die Besonderheiten des Lesens und Schreibens im World Wide Web herauszuarbeiten und auf dieser Grundlage die Kompetenzen zu ermitteln und in Beziehung zueinander zu setzen, die zur Erstellung von Websites notwendig sind. Diese analytische Arbeit sollte zum einen als Grundlage für die weiterführende empirische Forschung dienen und zum anderen dazu, die Möglichkeiten für eine Integration der Arbeit an Websites in den Schulunterricht auszuloten. Im Folgenden wird noch einmal der Weg nachvollzogen, der dabei eingeschlagen wurde und aufgezeigt in welcher Weise in Unterricht und Forschung sinnvoll an diese Arbeit angeknüpft werden kann.


Die Geschichte des World Wide Web
Im ersten Kapitel wurde die Entwicklung geschildert, die das World Wide Web möglich machte und seine Eigenschaften prägte. Dabei wurden zwei Entwicklungsstränge unterschieden: zum einen die Entwicklung der technischen Grundlagen vom Telegraphen bis zum modernen Computernetzwerk und zum anderen die Entwicklung des Hypertextformats, das in seiner besonderen, durch HTML geprägten Form, dem World Wide Web seine Struktur gibt. Aus dem Zusammenspiel dieser beiden Entwicklungsstränge ließen sich wichtige Erkenntnisse ableiten, auf die in den nachfolgenden Kapiteln immer wieder zurückgegriffen werden konnte:

  • Aus den im ersten Kapitel beschriebenen technischen Möglichkeiten und Grenzen des Formats und aus der besonderen Art und Weise, in der das Hypertextprinzip umgesetzt wurde, konnten im zweiten Kapitel die Stärken und Schwächen des Websiteformats im Vergleich mit anderen Formaten abgeleitet werden.
  • Die Überlegungen zu den Strukturen, die mit Hilfe von Links verwirklicht werden können, führten zur Identifizierung von sechs Strukturebenen im World Wide Web, die im dritten und vierten Kapitel eine wichtige Rolle bei der Analyse der Lese- und Schreibprozesse spielten und die entscheidend zur Entwicklung des dort vorgestellten Rasters zur Analyse von Websites beitrugen.
  • Schließlich ermöglichten die Erörterungen über die technischen Grundlagen des World Wide Web eine fundierte Diskussion über die zur Gestaltung von Websites notwendigen technischen Kompetenzen im fünften Kapitel.


Kommunikation mit den Fingerspitzen
Im zweiten Kapitel wurden die Besonderheiten des Websiteformats im kommunikativen Prozess herausgearbeitet:

  • die Verbindung der Eigenschaften übertragender und speichernder Formate
  • die Verbindung der Eigenschaften multimedialer und schriftbasierter Formate
  • die Vereinigung der Vorzüge dialogischer und monologischer Formate
  • die Vereinigung der Vorzüge von individueller Kommunikation und Massenkommunikation

Es zeigte sich, dass diese Stärken des Websiteformats dazu führen, dass nach und nach immer mehr Funktionen von anderen kommunikativen Formaten sowie von Orten und Personen der wirklichen Welt ins World Wide Web übernommen werden.

Hingewiesen wurde aber auch auf einige Probleme des World Wide Web:

  • die mangelnde Qualität und der mitunter zweifelhafte Wahrheitsgehalt von Inhalten auf Grund fehlender institutioneller Kontrolle
  • die Gefahr, auf pornografische, gewaltverherrlichende und illegale Inhalte zu stoßen
  • die Vorsicht, die bei der der Preisgabe persönlicher Daten geboten ist

Schließlich wurde auf der Grundlage der gegenwärtigen technischen Entwicklung ein Blick in die Zukunft gewagt, in der sich eine weitere Zunahme der Bedeutung des World Wide Web abzeichnet.

Die Erkenntnisse, die in diesem Kapitel über die Funktion des Websiteformats im kommunikativen Prozess gesammelt wurden, bildeten eine wichtige Grundlage für die Analyse des Lesens und Schreibens im Websiteformat in den beiden folgenden Kapiteln. Sie spielten außerdem eine wichtige Rolle bei der Diskussion darüber, ob die Gestaltung von Websites in der Schule behandelt werden sollte und welche Kompetenzen im kommunikativen Bereich die Schüler dabei benötigen.


Webliteralität
Im dritten Kapitel wurden zunächst einige Erkenntnisse der Leseforschung dargestellt, wobei ein Schwerpunkt dabei der Optimierung von Texten in Bezug auf den Leseprozess galt. Darauf aufbauend wurden die Besonderheiten des Lesens im Websiteformat herausgearbeitet, die stark von den im zweiten Kapitel beschriebenen spezifischen Eigenschaften des Formats beeinflusst werden. Unter Berücksichtigung dieser Besonderheiten wurde daraufhin diskutiert, wie sich Texte am besten für das Websiteformat optimieren lassen.

Nachdem die Besonderheiten des Lesens im Websiteformat und die Kriterien zu seiner Optimierung aufgelistet waren, tat Systematisierung not. Was fehlte war ein umfassendes Modell, das als Grundlage für die Analyse von Websites in Hinblick auf ihre Lesbarkeit dienen konnte. Dieses wurde unter Rückgriff auf das Gröninger Textverständlichkeitsmodell entwickelt, indem die dort eingeführte Trennung in „sichtbar-materielle“ und „sprachlich-kognitive“ Textaspekte zu den Ebenen der Kohärenzbildung beim Lesen im Websiteformat in Beziehung gesetzt wurde. So entstand ein Raster, das sich gut dazu eignet, Websites zu beschreiben und zu analysieren.

Die im dritten Kapitel gewonnenen Erkenntnisse wurden in den beiden folgenden Kapiteln in Zusammenhang mit der Gestaltung von Websites bzw. mit den Schreibkompetenzen, die Schüler zur Gestaltung von Websites beherrschen sollten, wieder aufgegriffen.


Webrhetorik
Im vierten Kapitel wurden zunächst die Besonderheiten der Schriftsprachlichkeit beschrieben, wobei immer auch die besondere Ausprägung der Schriftsprachlichkeit im Websiteformat berücksichtigt wurde. Um zu zeigen, wie die verschiedenen Aspekte der Schriftsprachlichkeit zusammenspielen, wurden im Anschluss daran die wichtigsten Schreibmodelle dargestellt. Diese Modelle bildeten die Grundlage für die folgenden Überlegungen zum Schreiben im Websiteformat. In diesem Zusammenhang wurden zunächst die Unterschiede zwischen dem Schreiben für und dem Erstellen von Websites herausgearbeitet und die verschiedenen Schreibwerkzeuge vorgestellt, die bei der Produktion von Websites genutzt werden können. Im Anschluss daran wurde der Schreibprozess unterteilt in Planungs-, Ausführungs- und Evaluationsphase diskutiert: Dabei zeigte sich, dass der Planungsphase bei der Gestaltung von Websites besondere Bedeutung zukommt, da der Produktionsprozess komplexer ist als beim Erstellen von Texten in anderen Formaten. Für die Darstellung der Entscheidungsprozesse, die der Produzent von Websites während der Ausführungsphase in Bezug auf die Gestaltung der inhaltlich-kognitiven und sichtbar-materiellen Aspekte auf den drei Kohärenzebenen treffen muss, bildete das im vorhergehenden Kapitel erarbeitete Analyseraster die Grundlage. Auch für die Evaluationsphase konnte eine besondere Bedeutung in Bezug auf das Websiteformat festgestellt werden, da Websites trotz ihres öffentlichen Charakters die Möglichkeit zur kontinuierlichen Überarbeitung bieten. Das im vorhergehenden Kapitel erarbeitete Analyseraster wurde in diesem Zusammenhang unter Einbeziehung verschiedener Aspekte des Schreibprozesses zu einer Checkliste erweitert, die sich gut als Werkzeug zur Evaluation von Websites einsetzen lässt.

Das gesamte vierte Kapitel bildete eine wichtige Grundlage für die Erstellung eines Kompetenzmodells zur Gestaltung von Websites im fünften Kapitel.


Webdidaktik
Im letzten Kapitel wurde zunächst die aktuelle Diskussion um nationale Bildungsstandards dargestellt. Im Anschluss daran wurde ausführlich begründet, warum es angesichts der derzeitigen gesellschaftlichen Situation notwendig ist, die Gestaltung von Websites als verbindlichen Unterrichtsinhalt an deutschen Schulen einzuführen. Aufbauend auf dieser grundlegenden Entscheidung wurde ein Kompetenzmodell entwickelt, in dem dargestellt wurde, welche Teilkompetenzen zur Gestaltung von Websites notwendig sind und wie diese zusammenwirken. Auf der Grundlage dieses Kompetenzmodells wurden die Mindeststandards festgelegt, die von den Schülern in Bezug auf die Gestaltung von Websites in der Schule erreicht werden müssen. Abschließend wurden die Rahmenbedingungen diskutiert, die notwendig sind, um diese Bildungsstandards in der Schule umsetzen zu können.


Was noch zu tun bleibt
Die analytischen und strukturellen Grundlagen, die in dieser Arbeit gelegt wurden, können zum Ausgangspunkt für weiterführende empirische Forschungen in verschiedenen Bereichen werden. Einen wichtigen Anknüpfungspunkt stellt dabei das im dritten Kapitel vorgestellte Raster zur Analyse von Websites dar.

In Bezug auf das Lesen im Websiteformat kann dieses Analyseraster zu vergleichenden Untersuchungen von Websites genutzt werden. Bei der Untersuchung einer größeren Anzahl von Websites mit Hilfe des Rasters wäre es unter anderem interessant herauszufinden, ob sich eine Typologie von Websites bilden lässt, die auf den Stärken und Schwächen beruht, die Websites in Bezug auf die einzelnen Felder des Rasters aufweisen.

Aber nicht nur zur empirischen Analyse von Websites, auch in Bezug auf die Schreibprozessforschung kann das Analyseraster sinnvoll eingesetzt werden. Anknüpfend an die Vorgehensweise von Hayes und Flower wäre es hier sinnvoll, eine ganze Reihe von Probanden mit unterschiedlichen Voraussetzungen beim Erstellen von Websites zu vorgegebenen Themen zu beobachten. Sie sollten dabei, ähnlich wie in der Untersuchung von Hayes und Flower, dazu aufgefordert werden, ihr Vorgehen während der gesamten Arbeitszeit durch lautes Denken zu kommentieren. Ihre Aktivitäten am Computer sollten durch entsprechende Programme und ihre sonstigen Aktivitäten auf Video aufgezeichnet werden. In der Auswertungsphase ließe sich festhalten, in welcher Weise die Probanden zwischen den verschiedenen Feldern des Analyserasters wechseln und welche kognitiven und mechanischen Aktivitäten dabei jeweils im Vordergrund stehen. Auf Grund dieser Daten ließen sich Hypothesen über die Problemlösestrategien der Probanden im Umgang mit der komplexen Herausforderung der Websiteerstellung gewinnen. Es ist zu vermuten, dass sich dabei verschiedene Typen von Websiteproduzenten herauskristallisieren. In nachfolgenden Interviews mit den Probanden wäre es möglich zu erheben, in wie weit ihnen die Problematik, mit der sie sich beim Erstellen von Websites konfrontiert sehen, gegenwärtig ist und wie bewusst sie entsprechende Problemlösestrategien einsetzen. Eine solche Untersuchung könnte schließlich zu einem umfassenden Modell der kognitiven Prozesse beim Erstellen von Websites führen und ähnlich Grundlegendes leisten wie es das Modell von Hayes und Flower für die Untersuchung des Schreibprozesses getan hat.

Ein weiterer Bereich, in dem in dieser Arbeit Forschungsbedarf festgestellt wurde, ist die Browsergestaltung. Im dritten Kapitel dieser Arbeit wurde deutlich, wie wichtig die vom Browser zur Verfügung gestellten Optionen für den Ablauf des Leseprozesses im Websiteformat sind. In diesem Zusammenhang ist es verwunderlich, dass es zwar eine ganze Reihe empirischer Untersuchen über den Einfluss bestimmter Merkmale von Websites auf das Lesen gibt, aber keine, die sich mit der Browsergestaltung beschäftigt. Bezeichnend ist auch, dass sich das Design des marktbeherrschenden Microsoft Internet Explorers in den letzten Jahren kaum verändert hat. Dabei ließe sich mit einer Verbesserung des Browserdesigns auf einen Schlag die Lesbarkeit unzähliger Websites verbessern. Dass in diesem Bereich Veränderungen möglich sind, zeigen Nischenprodukte, wie zum Beispiel der Browser Opera. Eine wissenschaftlich fundierte Auslotung möglicher Veränderungen und Optimierungen auf der Grundlage von Erkenntnissen der Leseforschung steht jedoch noch aus.

Wie im Zusammenhang mit der Diskussion um Bildungsstandards bereits erwähnt wurde, besteht auch im didaktischen Bereich noch erheblicher empirischer Forschungsbedarf. Für das auf Grund analytischer Überlegungen erstellte Kompetenzmodell ist an Hand entsprechend konzipierter Aufgaben im Schulversuch festzustellen, ob die verschiedenen Kompetenzen und Teilkompetenzen tatsächlich in der Weise zusammenhängen, wie es das Modell unterstellt. Ist das Modell bestätigt, so müssen Aufgaben erarbeitet werden, mit deren Hilfe das Erreichen der festgelegten Bildungsstandards überprüft werden kann. Auch diese Aufgaben müssen im empirischen Schulversuch auf ihre Angemessenheit hin untersucht werden. In diesem Zusammenhang ist auch zu klären, ob die normativ festgelegten Bildungsstandards tatsächlich auf einem Niveau angesiedelt sind, das sich an deutschen Schulen flächendeckend erreichen lässt. Falls dies nicht der Fall ist, muss untersucht werden, ob die Situation durch eine Veränderung der schulischen Rahmenbedingungen verbessert werden kann oder ob das Niveau der Bildungsstandards angepasst werden muss.


Schlusswort
Zu Beginn der Arbeit stand die Konfrontation mit der fast unüberschaubaren Fülle an Formen und Inhalten, der sich der Sprachwissenschaftler im World Wide Web gegenüber sieht. Während die Arbeit fortschritt, fügten sich Überlegungen zu den verschiedenen Aspekten des Websiteformats, seinen Wurzeln, seiner kommunikativen Funktion, seiner rezeptiven und produktiven Nutzung sowie seiner Bedeutung im schulischen Kontext immer mehr zu einem Ganzen, bis schließlich ein Bild entstand, aus dem die Zusammenhänge der verschiedenen Teilbereiche klar hervortraten. Am Ende der Arbeit steht der Wunsch, dass die Grundlage, die durch die analytische Auseinandersetzung mit dem Websiteformat für die zukünftige Forschung und die Umsetzung der Websitegestaltung in der Schule geschaffen wurde, auch genutzt wird.

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© Dr. Jörg Dieter 2007 – Kontakt: webmaster@webrhetorik.de - Bearbeitet: 19.01.2008

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