Webliteralität und Webrhetorik
Vom Lesen und Schreiben im World Wide Web

Informationen über die Dissertation: “Webliteralität - Lesen und Schreiben im World Wide Web”.

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Strukturen im World Wide Web

Welche Strukturebenen und Strukturelemente lassen sich im World Wide Web unterscheiden?

Der vorliegende Text, der einen leicht überarbeiteten Auszug aus der Dissertation „Webliteralität – Lesen und Schreiben im World Wide Web” von Jörg Dieter darstellt, beschäftigt sich mit dieser Frage und arbeitet dabei sechs Strukturebenen heraus.

Innerhalb des World Wide Web lassen sich verschiedene Strukturebenen unterscheiden. Die zentrale Strukturebene wird dabei von den Elementen eingenommen, die einen eigenen URI besitzen, das können sowohl HTML-Dokumente als auch Multimedia- und Programmdateien sein. HTML-Dokumente nehmen dabei insofern eine Sonderstellung ein, als vor allem von ihnen Links zu weiteren Dokumenten ausgehen. Betrachtet man das World Wide Web als Netzwerk, so bilden HTML-Dokumente die Knoten des Netzwerks, während Multimedia- und Programmdateien als lose Enden an einem oder mehreren dieser HTML-Knoten hängen. Für HTML-Dokumente im World Wide Web sind auch die Ausdrücke Internetseite, Webdokument, Webpage oder Webseite üblich.

Die nächst höhere Strukturebene wird von Websites gebildet. Dabei handelt es sich um eine Gruppe von HTML-Knoten, die von einem Autor oder einer Autorengemeinschaft kontrolliert werden und für Rezipienten auf Grund ihrer Gestaltung, ihres Inhalts oder gleichbleibender Elemente im URI als zusammengehörig erkennbar sind. Der Umfang einer Website kann von einem einzelnen Knoten bis zu mehreren tausend reichen. Oft gibt es innerhalb einer Website einen zentralen Knoten, der von den Autoren der Website als Ausgangspunkt für die Rezeption vorgesehen ist und Startseite oder Homepage genannt wird.

Mit Hilfe von Links können die zu einer Website gehörigen Webdokumente zu verschiedenen Strukturen geordnet werden. Im Prinzip lässt sich dabei fast jede vorstellbare Struktur verwirklichen. Insgesamt lassen sich diese Strukturen vier Gruppen zuordnen:

  • Reihenstruktur: Reihen sind rein sequentielle Strukturen von Webdokumenten. Ein Webdokument ist dabei lediglich mit dem vorhergehenden und nachfolgenden Dokument verlinkt. Diese Art der Struktur gibt dem Rezipienten vor, was er wann zu lesen hat und kommt in der Regel nur in besonderen Fällen, z.B. bei der Aufnahme von Daten für eine Bestellung zur Anwendung.
  • Baumstruktur: Größere Websites besitzen oft eine zentrale Startseite, von dieser aus gelangt man zu verschiedenen Unterseiten, von den Unterseiten zu Unterunterseiten und so fort. Eine solche Website ist hierarchisch aufgebaut und ähnelt in der Struktur einem Baum.
  • Matrix: Websites, auf denen große Wissensbestände bereitgestellt werden, sind mitunter in Form einer Matrix, meist mit zwei, manchmal mit mehr Dimensionen aufgebaut.
  • Rhizom: Ein Rhizom ist eine netzartige Struktur ohne definierbaren Anfang und definierbares Ende. Das Netz weist dabei in der Regel keine klaren Strukturmerkmale auf. Rhizomatische Strukturen können für den Rezipienten sehr verwirrend sein, weil er kaum die Möglichkeit hat, ein mentales Modell der Struktur zu bilden. Deshalb finden sie nur auf einigen wenigen experimentellen Websites Anwendung. Allerdings kann das World Wide Web, mit den unzähligen Links zwischen verschiedenen Websites, insgesamt als ein gewaltiges Rhizom angesehen werden.

Oft finden sich auf Websites Kombinationen der verschiedenen Grundstrukturen. Dabei dient als Grundlage gewöhnlich eine Baumstruktur. Diese ist oft angereichert mit „Querlinks“ zu an einer bestimmten Stelle interessanten Dokumenten der gleichen Website. Dazu können externe Links kommen, welche die Website in das World Wide Web als Ganzes einbinden. In den letzten Jahren sind aber auch immer mehr Websites entstanden, auf die diese statischen Strukturmodelle nicht mehr anwendbar sind. Solche Websites werden dynamisch aus Datenbanken zusammengestellt. Für die Zusammenstellung werden dabei oft Informationen herangezogen, die über den Rezipienten bei vorherigen Besuchen gesammelt wurden. Dadurch ist es möglich, dem Rezipienten maßgeschneiderte Angebote zu unterbreiten. Viele Firmen wie z.B. der Buchversand Amazon nutzen diese Technik. Andere Websites, z.B. Suchmaschinen wie Google oder Bibliothekskataloge bestehen aus wenig mehr als einem Datenbankinterface. (vgl. Freisler, Stefan: Problemfelder industrieller (Hyper)textproduktion. In: OBST 63. Hypermedien und Wissenskonstruktion. Osnabrück: 2001, S. 67-77, S. 72ff)

In Zukunft werden in Zusammenhang mit der dynamischen Strukturierung und Darstellung von Daten vermutlich die so genannten Topic Maps stark an Bedeutung gewinnen. Sie ermöglichen es, Informationen in Form von „Topics (Themen, Personen, Orte...), Associations (Verknüpfungen zwischen Topics) und Occurrences (Instanzen von oder Dokumente zu Topics)“ zu strukturieren. Darüber hinaus lassen sich für Topics Namen und Rollen vergeben. (zitiert nach dem
Wikipedia-Artikel zu Topic Maps)

Was mit Topic Maps möglich ist, lässt sich am Beispiel der Website des Erziehungswissenschaftlichen Seminars der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg erkennen (Anm.: zur Zeit - Juli 2007 - leider offline). Ruft man die Homepage des Instituts auf, so findet man auf der rechten Seite zunächst eine Reihe von Rollen, die Personen in diesem Institut spielen können, z.B. Professor, Sekretariat, Leitung, Studienberatung etc. Klickt man auf den Punkt Professor, erhält man eine Liste der Namen aller Topics (in diesem Fall Personen), welche am Institut die Rolle Professor spielen. Wählt man einen Namen aus, so erhält man einige Informationen über die entsprechende Person und gleichzeitig eine Liste mit weiteren Rollen, welche sie spielt. Auf ähnliche Weise lassen sich die Beziehungen zwischen Texten, Autoren, Herausgebern, Veröffentlichungsorten und -zeiten etc. modellieren. Topic Maps bieten so die Möglichkeit, hochkomplexe und dennoch klar strukturierte Informationsnetze zu bilden. Damit stellen Sie ein wichtiges Hilfsmittel dar, um die ausufernde Informationsflut im World Wide Web in den Griff zu bekommen.

Die oberste Strukturebene bildet schließlich das World Wide Web selbst, in dem die Websites mehr oder weniger stark vernetzt sind. Der Normalfall ist dabei, dass von einer Website sowohl Links zu anderen Websites ausgehen, als auch von anderen Websites dort ankommen. Es sind aber auch Inselwebsites denkbar, die durch Links nicht mit anderen Seiten verbunden sind und nur direkt über ihre URI aufgerufen werden können. Trotz der fehlenden Vernetzung sind auch sie dem World Wide Web als Ganzem zuzurechnen.

Auch unterhalb der Ebene des einzelnen HTML-Dokuments gibt es weitere Strukturebenen. Ein HTML-Dokument kann eine mehr oder weniger beliebige Anzahl von Texten sowie multimediale und interaktive Elementen enthalten. Ähnlich wie die Artikel auf einer Zeitungsseite können die Texte in einem HTML-Dokument sich ganz unterschiedlichen Themen widmen, die nicht immer einen inhaltlichen Zusammenhang aufweisen. Um zu verdeutlichen, dass es sich um inhaltlich mehr oder weniger abgeschlossene Texte handelt, die dennoch Teil eines HTML-Dokumentes sind, das – wenn die Monitorgröße es erlaubt – als Ganzes ins Blickfeld des Nutzers gerät, möchte ich in diesem Zusammenhang auch von Textsegmenten sprechen. Textsegmente sind dabei direkt im HTML-Dokument enthalten, während multimediale Elemente, auch wenn sie bei der Darstellung in die Webseite integriert erscheinen, an anderer Stelle gespeichert sind und im HTML-Dokument lediglich durch ihren URI repräsentiert werden. Interaktive Elemente können wie im Fall von Java-Skript direkt in das HTML-Dokument eingebettet oder wie im Fall von Plugins in gesonderten Dateien gespeichert sein. Die Beziehung zwischen Textsegmenten und multimedialen Elementen innerhalb eines HTML-Dokuments kann dabei äußerst komplex sein.
 
Thomas Wirth zeigt in seinem Buch
Missing Links in einem interessanten Gedankenexperiment eindrucksvoll, dass Text das dominierende Element des Websiteformats ist. Denkt man sich aus den meisten Webseiten sämtliche Grafiken und multimedialen Elemente weg, so bilden diese zwar einen relativ tristen Anblick, bleiben aber in weiten Teilen noch benutzbar und verständlich. Entfernt man jedoch sämtliche Texte, ist das, was übrig bleibt, in den allermeisten Fällen eine Ansammlung von Bildern, Animationen und Symbolen, deren Bedeutung und Zusammenhang sich nur schwer erschließt. (vgl. Wirth, Thomas: Missing Links. Über gutes Webdesign. München und Wien: Hanser 2002, S. 69f.)

Texte und Bilder im Websiteformat weisen damit ein ähnliches Verhältnis auf wie Konsonanten und Vokale in vielen Schriften. Entfernt man die Vokale, so bleibt der Text in weiten Teilen verständlich, verliert jedoch an (Klang)farbe. Lässt man hingegen nur die Vokale stehen, so mögen diese zu interessanten Klangexperimenten einladen, der ursprüngliche Sinn des Textes geht jedoch verloren. Auf diese interessante Parallele zum Verhältnis von Text und Bildern im World Wide Web machte mich Prof. Dr. Jakob Ossner aufmerksam.

Betrachtet man Text als den wichtigsten Bestandteil von Webdokumenten, dann lassen sich den Strukturebenen im World Wide Web schließlich noch die Satz- und die Wort-/Buchstabenebene hinzufügen, so dass sich zusammenfassend folgendes feststellen lässt: Das World Wide Web kann in sechs Strukturebenen eingeteilt werden, unter denen der dritten und vierten Ebene eine besondere Bedeutung zukommt, da Sie Elemente mit einem eigenen URI enthalten können.

    1. Ebene: World Wide Web
    2. Ebene: Websites
    3. Ebene: Webseiten - Programmdateien - Multimediadateien
    4. Ebene: Textsegmente - interaktive Elemente - Multimediaelemente
    5. Ebene: Sätze
    6. Ebene: Worte und Buchstaben

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© Dr. Jörg Dieter 2007 – Kontakt: webmaster@webrhetorik.de - Bearbeitet: 19.01.2008

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